Alexander Van der Bellen – ein österreichischer Präsident mit osteuropäischen Wurzeln

Es war ein in Österreich bisher einzigartiges Wahlfinale, als sich Van der Bellen im knappsten Wahlresultat in der Geschichte der Alpenrepublik gegen seinen Konkurrenten Norbert Hofer durchgesetzt hatte. Nur wenige zehntausend Stimmen gaben den Ausschlag für den ehemaligen Chef der Grünen.

Beinahe hätte die EU- und migrationskritische FPÖ den begehrten Stuhl in der traditionsreichen Hofburg für sich beanspruchen können. In Zeiten von Asylkrise und sichtbarer Uneinigkeit in der Europäischen Union können europakritische Parteien immer mehr an Boden gewinnen. Dass Van der Bellen hier eine andere Position vertritt, erklärt sich bereits aus seiner Familiengeschichte.

Die „Von der Bellens“, wie sie anfangs noch hießen, sollen bereits im 18 Jahrhundert aus Holland in das russische Zarenreich ausgewandert sein. 1917 wird der Großvater, welcher ebenfalls den Namen Alexander trug, Leiter der Lokalregierung im Gouvernement Pskow. Verliehen wurde ihm diese Position von der bürgerlichen Übergangsregierung.

Noch vor der Oktoberrevolution legt er dieses  Amt zurück. Als 1919 der Sieg der Bolschewiken unausweichlich scheint, entschließt sich Alexander Van der Bellens Großvater, ins benachbarte Estland zu fliehen. Der Großvater stirbt im Jahr 1924, sein Sohn Alexander, Alexander Van der Bellens Vater, studiert Wirtschaft an der Universität Tartu.

Nach einigen Vortragsreisen über das Schicksal russischer Studenten in der Emigration, war er erfolgreich im Holzexport und internationalen Bankgeschäft tätig. Als im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Paktes, (auch als „Hitler Stalin Pakt“ bekannt), Estland Teil der sowjetischen Einflusssphäre wird, planen die Van der Bellens die erneute Flucht. Erst 1941 können Sie, aufgrund deutsch-sowjetischer Abkommen, getarnt als „heimkehrende Deutsche“, ausreisen. Van der Bellen, reist nun mit seiner estnischen Ehefrau Alma auf Umwegen nach Wien.

Wien sollte auch die Geburtsstadt des jüngsten Sprosses, in der Dynastie der „Alexander Van der Bellens“ sein. Noch war die Reise aber nicht zu Ende. Als die Sowjets erneut immer näher kamen, flüchtete die Familie, mit dem kleinen Alexander im Gepäck, nach Tirol. Die Tradition der „Alexanders“ sollte aber mit dem designierten Bundespräsidenten enden. Seine Söhne tragen die Namen Florian und Nicolai.


Reaktionen auf Van der Bellens Wahlsieg in Estland und Russland


 "Wir haben von ganzem Herzen und mit der ganzen Familie mitgefiebert", kommentierte Irina Steinberg,  Cousine des künftigen österreichischen Bundespräsidenten. Der Sonntag sei für sie deshalb ein großer Stress gewesen, erzählt Steinberg der Österreichischen Presseagentur. "Sein Sieg zeugt davon, dass die österreichische Intelligenzija, die denkenden Menschen, für Sascha gestimmt haben".  

"Die Wahl eines Präsidenten mit estnischen Wurzeln sind günstige Bedingungen für eine engere Zusammenarbeit zwischen Estland und Österreich"  kommentiert der sozialdemokratische estnischen Außenpolitiker Sven Mikser.
Der liberale Europaparlamentsabgeordnete und ehemalige Außenminister Urmas Paet zur Wahl Van der Bellens: "Das Wahlergebnis ist ein guter Grund, den Österreichern gleich doppelt zu gratulieren, für Estland und das estnische Volk spielt aber auch die Tatsache eine Rolle, dass Österreich einen estnischen Staatsbürger zum Präsidenten gewählt hat.“

Tatsächlich hat Alexander Van der Bellen nach estnischem Recht, Anspruch auf einen Reisepass des baltischen Staates, da seine Eltern bereits vor 1940 estnische Staatsbürger waren.

Auch im russischen Pskow interessiert man sich für den prominenten Nachfahren aus der Region. "In einigen Lokalmedien finden sich Schlagzeilen, in denen vom Sieg des Nachfahrens eines Aristokraten aus Pskow oder des Enkels des Pskower Gouverneurs die Rede ist", so der Direktor des Archivs der Region Pskow, Waleri Kusmin. Er geht davon aus, dass es künftig auch wissenschaftliche Nachforschungen zur Geschichte der im 19. Jahrhundert in den Adelstand erhobenen Familie der Van der Bellens geben wird. 
Die internationale russische Zeitung RBTH, ein Ableger der russischen Staatszeitung Rossiskaja Gaseta, betitelt Van der Bellens Sieg auf Facebook mit „one of us“.
Gaseta.ru berichtet andererseits, dass Teile der russischen Politik eher auf Norbert Hofer gehofft hätten.

Die zahlreichen internationalen Reaktionen zeigen jedenfalls, dass alleine der Begriff „Präsident“ eine hohe symbolische Strahlkraft aufweist. Dabei spielt es scheinbar keine Rolle, dass die Funktion des Bundespräsidenten in Österreich, in erster Linie, nur repräsentativer Natur ist.



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