David Bowie - Von der Sowjetunion nach Berlin

Anfang Januar verstarb David Bowie, für die Öffentlichkeit völlig unerwartet, nach einem 18-monatigen Kampf gegen den Krebs. Der 1947 als David Robert Jones geborene Künstler beeinflusste die moderne Musikkultur wie kaum ein anderer, ohne sich einem bestimmten Genre unterordnen zu lassen, oder wie er selbst sagte, unterordnen zu wollen.

Nur zwei Tage vor seinem Tod feierte er seinen 69. Geburtstag und die Veröffentlichung des neuen Albums „Blackstar“. Der teils autobiographische Charakter dieses Werks scheint im Nachhinein genauso offensichtlich wie sein Motiv ein musikalisches Erbe zu hinterlassen. Besonders bei Betrachtung des Videos zur Single „Lazarus“, sprechen viele Weggefährten Bowies von einer künstlerischen Verarbeitung seines Schicksals.

David Bowie war bekannt für künstlerische Experimente und forderte die Musikkritiker bei der Einordnung seiner Veröffentlichungen immer wieder heraus. Dabei war er alles andere als frei von Ängsten. Seit Anfang der 70er Jahre leidet er nach einem stürmischen Flug unter nachhaltiger Flugangst. Noch im Jahr 2013 berichtet er im TV-Interview bei Harald Schmidt, wie er sich auf den tagelangen Schiffsreisen seine Zeit vertreibt. Am Liebsten sieht er dann all die europäischen Filme, die seine Familie zu Hause mit ihm nicht anschauen möchte.
Vielleicht war diese Flugangst ein Mitgrund, weshalb er Anfang der 70er Jahre nach Auftritten in Japan als einer der ganz wenigen westlichen Stars eine Zugreise durch die Sowjetunion antritt.

Er entschließt sich seinen Heimweg in Richtung Westen über die legendäre transsibirische Eisenbahn zu wagen. Zwar in einer ruhigeren Phase, aber trotzdem mitten im kalten Krieg, zweifelten einige Leute im Westen seine Reise an. Sogar von gefälschten Fotos war die Rede.

Doch auch wenn nicht alle Fakten bekannt und viele Details umstritten sind, gilt die Story als gesichert. Eine der eher umstrittenen Geschichten ist z.B. der Mythos um seine Präsenz in der fernöstlich gelegenen Stadt Vladivostok, damals für westliche Besucher aus militärischen Geheimhaltungsgründen Sperrgebiet.

Details seiner Fahrt durch Russland, die eigentlich eine lange Heimreise war, sind aus seinen leider nicht konsequent geführten Aufzeichnungen und Erzählungen seiner Reisegefährten bekannt. Bereits nach der Grenzüberschreitung, bekam er ein Informationspaket, bestehend aus politischen Schriften und einer Art „Benimmkatalog“ für Ausländer ausgehändigt. Aufmerksamkeit war ihm sicher, denn zwar war die „subversive Rockmusik“ in der Sowjetunion offiziell verboten, doch im Untergrund bestand ein großes Interesse an westlicher Kultur.

Seine Lieder waren aber weitgehend unbekannt, denn erst in den 80er Jahren war die technische Basis zur Verbreitung illegaler Kopien mehr oder weniger flächendeckend gegeben. Auch sein außergewöhnliches Erscheinungsbild blieb nicht unbemerkt,
schließlich herrschte in den frühen 70er Jahren in der Sowjetunion ein recht konservativer Kleidungsstil. So kommentierte ein Fahrgast Bowies Erscheinung sinngemäß mit den Worten: „So etwas wie das, gibt es nur im dekadenten Westen“.

Das hinderte ihn aber nicht daran, die Herzen der Zugbegleiterinnen und Fahrgäste beim Musizieren während der Fahrt zu gewinnen. „Sie verstanden kein Wort Englisch, konnten also meine Songs auch nicht verstehen, aber am Ende haben sie immer applaudiert und gejubelt.“ Sagte Bowie im Interview mit einer Jugendzeitschrift.

Fasziniert war er von der endlosen und unberührten Natur die er vom Zug aus beobachten konnte: „Es ist komisch, in einem Zug, einer technischen Erfindung zu sitzen und gleichzeitig durch eine so unberührte, von menschlichen Einflüssen unversehrte Natur zu reisen.“ Die Menschen in Sibirien schätze er als besonders freundlich, während die Leute „immer mürrischer wurden, desto mehr man sich Moskau näherte“. Nach einem Besuch am roten Platz reiste er in Richtung Westberlin weiter. Erschöpft von der langen Fahrt, schrieb er bei seiner Ankunft im Hotel in Westberlin: „Wie kann ich nun möglichst schnell ein heißes Bad und einen Koffer voll frischer, wohlriechender Wäsche bekommen?“

Ende der 70er Jahre zieht Bowie sogar für drei Jahre nach Berlin, lebt mit seinem Freund Iggy Pop in einem unscheinbaren Altbauhaus. Dort schreibt er Songs wie „Heroes“, ein Lied welches er in den 80ern bei seinem legendären Konzert an der noch geschlossenen Berliner Mauer spielt: „Wir wussten, dass vielleicht einige der Ostberliner den Auftritt hören könnten, aber mit dieser Anzahl haben wir nicht gerechnet, am Ende war es ein Doppelkonzert.“ kommentierte er seinen Auftritt, den er als einen der emotionalsten seiner Karriere bezeichnete.

Im Jahr 2002 spielte er wieder in Berlin, sein Eindruck: „10.000 – 15.000 Leute in der Max Schmeling Halle, diesmal Auge in Auge mit den Zuhörern die damals am östlichen Teil der Mauer standen, es machte mir Freude so zu performen, etwas von diesem Ausmaß erlebt man nur selten.“

Nun soll vielleicht bald eine „David Bowie Straße“ an sein Wirken in Berlin erinnern. Unvergessen bleibt er ohnehin, nicht nur in Berlin.

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Kommentare: 1
  • #1

    Joe Doe (Montag, 18 Januar 2016 13:49)

    „Sie verstanden kein Wort Englisch, konnten also meine Songs auch nicht verstehen, aber am Ende haben sie immer applaudiert und gejubelt.“

    Ach ich war 9 wie ich ziggy stardust gehört hab, kein wort verstanden, hab aber "applaudiert und gejubelt". Die Musik war gut, darum gehts...